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Die deutsche Küche
Deutschland schmeckt nach Butter und Majoran, nach Sauerteig und Kümmel, nach knuspriger Bratenkruste, sauren Gurken und dem Duft von Zimt in der Adventsküche. Dieses Buch holt die Küchen von der Nordseeküste über das Rheinland und Sachsen bis nach Altbayern an Ihren Tisch.
Einleitung
Die deutsche Küche ist über Jahrhunderte aus drei Dingen gewachsen: aus dem Klima, aus den ständig wechselnden Landesgrenzen und aus handwerklichem Stolz. Im Süden riecht es in den Wirtshäusern nach röschem Schweinsbraten, dunklem Bier und Kümmel. Diese Üppigkeit kommt aus der klösterlichen und bäuerlichen Vorratshaltung. An den Küsten im Norden bestimmen frischer Matjes und Schollen die Fischmärkte. Dazwischen liegt eine Küche, die mit Sauerkraut und Wurst längst nicht erklärt ist. Sie gründet auf regionalen Gegebenheiten: fruchtbaren Flusstälern, Wäldern und weiten Ackerflächen. Entsprechend vielfältig ist, was auf den Tisch kommt.
Kennzeichnend ist das Konservieren. Pökeln, Räuchern, Fermentieren und Einlegen entstanden aus der Not langer Winter und tragen heute viele Leitgerichte. Auffällig ist die Balance von Süße und Säure, die durch zahlreiche regionale Spezialitäten zieht. Beim rheinischen Sauerbraten wird die Sauce mit Printen, Rosinen oder Rübenkraut abgerundet, im Norden steht der „Brooken Sööt“, das gebrochene Süße bei Birnen, Bohnen und Speck. Erst diese Kontraste machen deftige Gerichte bekömmlich. Eine reine Reihung salziger Zutaten erreicht das nicht.
Diese Küche ruht auf einem handwerklichen Fundament, das in den Backstuben und Metzgereien des Landes täglich gepflegt wird. Über 3000 dokumentierte Brotspezialitäten zeigen, was an Sauerteigen, Roggenmischungen und Backverfahren gepflegt wird. Die Metzgerkunst hat je nach Region eigene Rezepturen, Gewürzmischungen und Reifeprozesse hervorgebracht. Vom Allgäuer Emmentaler mit geschützter Ursprungsbezeichnung, in den hochgelegenen Sennereien aus Rohmilch gekäst, bis zu den Wurstwaren, die über Buchenholz oder Tannennadeln ihren letzten Schliff bekommen, geht es um Produkte, die Zeit, Geduld und Fachwissen verlangen.
Diese Esskultur war nie statisch. Neben den jahrhundertealten Traditionsgerichten hat sich eine bewegliche Imbisskultur entwickelt, eng verwoben mit der jüngeren Geschichte des Landes. Die Currywurst gilt als Kreation der Nachkriegszeit; als Erfinderin gilt Herta Heuwer, die die Currywurst am 4. September 1949 in Berlin verkaufte und 1959 die zugehörige Soße unter dem Namen „Chillup“ als Marke schützen ließ. Ein konkurrierender Anspruch aus Duisburg bleibt historisch umstritten. Ähnlich prägend fürs Stadtbild ist der Döner Kebab, eine deutsch-türkische Adaption, die in den frühen 1970er-Jahren in Berlin populär wurde. Diese schnellen, urbanen Gerichte widersprechen der klassischen Küche nicht. Sie ergänzen die klassische Küche: eine schnelle Antwort auf das Leben in der Stadt.
Die ganze Dimension dieser Küche erschließt sich erst über die Regionen. Schon ein paar Ortschaften weiter sieht die Rezeptur oft völlig anders aus. Jede Landschaft hat ihre eigene Antwort darauf gefunden, was man aus dem macht, was vor Ort da ist. Im Osten sind osteuropäische Einflüsse deutlich, in kräftigen Suppen und Pilzgerichten. Im Westen und Südwesten zeigt die Nähe zu Frankreich Wirkung: feinere Soßen, Weinbergschnecken, eine ausgeprägte Patisserie. „Die“ eine homogene deutsche Küche gibt es bei diesen Unterschieden nicht. Es ist ein Verbund vieler eigenständiger Küchentraditionen, zusammengehalten durch gemeinsame Geschichte und ein geteiltes handwerkliches Verständnis.
International hat sich die Wahrnehmung in den letzten Jahrzehnten stark verschoben, auch in der Spitzengastronomie. Deutschland zählt zu den Ländern mit hoher Dichte an Sterne-Restaurants; in Europa liegt es in der Spitzengruppe hinter Frankreich und Italien. Wichtig fürs eigene Verständnis ist die Abgrenzung zu den Nachbarländern: Wiener Schnitzel und Gulasch sind keine originär deutschen Erfindungen, auch wenn sie übernommen und fest in den Speiseplan eingebaut wurden. Die Stärke der heimischen Küche liegt in den eigenen Kreationen, die das Landesspezifische betonen und regionale Erzeugnisse mit handwerklicher Präzision in den Mittelpunkt stellen.
Deutsche Esskultur
Die deutsche Esskultur folgt einem festen Tagesrhythmus und ausgeprägten saisonalen Bräuchen. Lange galt das warme Mittagessen als wichtigste und schwerste Mahlzeit des Tages. In den ländlichen und handwerklichen Haushalten kam die Familie mittags zusammen und aß kräftige Eintöpfe, Kartoffelgerichte oder Fleisch, was für die schwere Arbeit am Nachmittag reichte. In der modernen Arbeitswelt hat sich das oft auf den Abend verschoben, aber die Sehnsucht nach einem warmen, gemeinsamen Mahl ist geblieben. Der Sonntag ist die Ausnahme: Der Sonntagsbraten mit handgemachten Knödeln oder Spätzle und einer aufwendig gezogenen Soße ist der familiäre Höhepunkt der Woche.
Eine eigene Institution ist das „Abendbrot“. So einfach es aussieht, es zeigt, wie hoch handwerkliche Kaltverpflegung hier steht. Ein massives Holzbrett in der Tischmitte, darauf ein frischer Laib Roggenmischbrot, dazu regionale Wurst, Schinken, Schnittkäse, Gewürzgurken und Radieschen. Hier zählt die Qualität der Grundprodukte. 2014 wurde die Deutsche Brotkultur in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Diese Auszeichnung würdigt auf nationaler Ebene den kulturellen Wert der handwerklichen Herstellung. Dass es sich dabei um ein internationales UNESCO-Weltkulturerbe handele, ist ein weit verbreitetes Missverständnis; den Stolz der Bäcker schmälert das nicht.
Die Jahreszeiten geben einen festen kulinarischen Kalender vor. Bestes Beispiel ist die Spargelzeit. Wenn im Frühjahr die weißen Stangen gestochen werden, richten ganze Landstriche ihre Speisekarten fast nur danach aus. Klassisch mit zerlassener Butter oder Hollandaise, neuen Kartoffeln und Schinken, wird das Gemüse fast kultisch verehrt. Diese Phase endet am 24. Juni, dem Johannistag, damit sich die Pflanzen fürs nächste Jahr erholen können. Ebenso verbindlich ist das Gänseessen rund um den Martinstag im November. Es markiert den Übergang in die winterliche, deftige Festtagsküche, in der Rotkohl, Maronen und schwere Soßen das Kommando übernehmen.
Neben dem Zuhause zählt die Geselligkeit draußen. Die deutsche Wirtshaus- und Biergartenkultur ist legendär und folgt eigenen, ungeschriebenen Regeln. Im Süden sitzt man an langen Holztischen, teilt den Platz mit Fremden und verbringt den Feierabend unter alten Kastanienbäumen. Dass man in klassischen bayerischen Biergärten die eigene Brotzeit mitbringen darf, solange die Getränke beim Wirt bezahlt werden, ist ein einmaliges Stück demokratischer Genusskultur. Dazu kommen strenge Qualitätsstandards; das Bayerische Bier etwa ist als geschützte geografische Angabe geregelt. Weiter westlich, in den hessischen Apfelweinwirtschaften, läuft es ähnlich: Aus dem blauen Steingutkrug, dem Bembel, kommt herb-saurer Ebbelwoi in gerippte Gläser, und man beugt sich über Handkäs.
Die deutsche Esskultur bleibt längst nicht mehr in den alten Gaststuben. Die urbane Imbisskultur hat den öffentlichen Raum erobert. Am Würstelstand, an der Dönerbude oder vor dem Fischbrötchen-Kutter am Hafen treffen sich alle Gesellschaftsschichten auf Augenhöhe. Der schnelle Imbiss auf der Hand braucht klare, intensive Aromen und ist eine pragmatische Antwort auf den Wunsch, schnell satt zu werden und zu genießen. Der Kontrast zwischen dem stundenlang geschmorten Rinderbraten am Sonntag und der feurigen Currywurst am Dienstagmittag zeigt die Spannweite einer Esskultur, die alte Traditionen bewahrt, ohne sich der Gegenwart zu verschließen.
Regionale Küchen
Norddeutschland
Die Küche Norddeutschlands hängt an der rauen See, am Wind und an den fruchtbaren Marschen. Fisch hat hier das erste Wort: zarter Matjes Hausfrauenart, in Speck gebratene Finkenwerder Scholle, Fischbrötchen an jedem Hafen. Dazu kommt eine Vorliebe für deftige Eintöpfe und Schmorgerichte, die nach harter Arbeit auf See oder Feld satt machen. Prägend ist der „Brooken Sööt“, das gebrochene Süße: herzhafte, salzige Zutaten kommen bewusst mit der Süße von Backobst zusammen.
Birnen, Bohnen und Speck gehören dazu, ebenso die Hamburger Aalsuppe, die oft ganz ohne Aal auskommt, dafür mit viel Trockenobst und Wurzelgemüse. Labskaus war ein Seemannsgericht aus gepökeltem Rindfleisch, Kartoffeln und Roter Bete und zeigt, wie man haltbare Zutaten geschmackvoll kombiniert. Im Winter führt der Grünkohl mit Pinkel, einer deftigen Grützwurst. Geerntet wird er nach dem ersten Frost, und er steht fest in der winterlichen Geselligkeit.
Berlin, Brandenburg & Ostdeutschland
Berlin, Brandenburg und der Osten kochen eine robuste, preußische Hausmannskost. Sie verbindet alte Genügsamkeit mit Einflüssen aus Osteuropa und aus der DDR-Zeit. Schweinefleisch, Wurst, Kartoffeln und Sauerkraut sind das Fundament. Gepökeltes, gekochtes Eisbein mit Erbsenpüree oder Leber Berliner Art mit Äpfeln und Zwiebeln zeigen die Vorliebe für herzhafte Aromen ohne Schnörkel. Berlin ist außerdem der Geburtsort der deutschen Imbisskultur, getragen von Currywurst und Bockwurst, die das schnelle Essen in der Stadt geprägt haben.
Die Teilung hat tiefe Spuren in den Kochtöpfen des Ostens hinterlassen. Viele Gerichte entstanden aus Improvisation und der Kantinenkultur. Die Soljanka, eine säuerlich-pikante Restesuppe mit osteuropäischen Wurzeln, ist bis heute weit verbreitet. Würzfleisch, ein Ragout fin nach DDR-Art (meist aus Schweinefleisch, teils auch Geflügel), das Jägerschnitzel aus panierter Jagdwurst oder die „Tote Oma“ aus Grützwurst stehen für eine eigene, historisch gewachsene Pragmatik, die bis heute beliebt ist und eine feste regionale Identität trägt.
Sachsen, Thüringen & Sachsen-Anhalt
Mitteldeutschland steht für herzhafte Braten, gute Klöße und eine reiche Backtradition. Die Thüringer Rostbratwurst ist als geografisch geschützte Angabe europaweit anerkannt. Sie kommt über Holzkohle auf den Rost und verlangt eine genaue Balance aus Majoran, Kümmel und Knoblauch. Dazu gehören oft die Thüringer Klöße aus rohen, gepressten und gekochten Kartoffeln, ein technisch heikles Stück Arbeit in Sachen Bindung. Auch das am Stück marinierte Rostbrätel prägt die Sonntags- und Festtagstische der Region.
Ihre Höhe erreicht die mitteldeutsche Küche in den Backstuben. Der Dresdner Christstollen, ein schwerer Hefeteig mit Butter und Rosinen, ist weit über die Region hinaus gefragt und ebenfalls geschützt. Die sächsische Eierschecke, ein dreischichtiger Blechkuchen, und der über offenem Feuer in Schichten gebackene Salzwedeler Baumkuchen zeigen, was Konditoren hier können. Rustikaler, aber nicht weniger raffiniert sind die Quarkkeulchen aus Kartoffelteig und Quark, irgendwo zwischen süßer Hauptspeise und Dessert.
Mecklenburg-Vorpommern
Die mecklenburgische Küche lebt von der Weite des Landes, den Wäldern, der langen Ostseeküste und den vielen Binnenseen. Sie verbindet die Bodenständigkeit der Bauernhöfe mit dem Fischreichtum der Gewässer. An der Küste geben Süßwasserfisch und Ostseefang den Ton an; Aal, Zander und Hecht kommen oft einfach, aber gut zubereitet auf den Teller. Im Landesinneren geben Wildgerichte und Sonntagsbraten den Takt der ländlichen Wochenenden vor.
Der Mecklenburger Rippenbraten steht für die regionale Raffinesse: ein großes Stück Schweinebauch, gefüllt mit einer süß-herzhaften Mischung aus Äpfeln, Pflaumen und Zwieback. Fleisch mit Obst zu kombinieren ist ein wiederkehrendes Muster im Nordosten. Süß endet es bei der Roten Grütze, serviert mit frischer Milch oder flüssiger Sahne. Sie konserviert die reichen Beerenerträge der mecklenburgischen Gärten.
Rheinland & Westdeutschland
Rheinland und Westfalen verbinden Lebensfreude mit handwerklicher Bodenständigkeit. Süß-saure Kontraste und eine ausgeprägte Brauhauskultur gehören dazu. Der Rheinische Sauerbraten ist das bekannteste Beispiel: Das Rindfleisch liegt tagelang in Essig, die Soße wird danach mit Printen, Rosinen oder Rübenkraut abgebunden. Das ergibt einen vielschichtigen Geschmack, süß, säuerlich und würzig zugleich. Beim „Himmel un Ääd“ treffen Äpfel und Kartoffeln aufeinander, kräftig gestützt von gebratener Blutwurst. In den rheinischen Brauhäusern isst man zum obergärigen Bier den „Halve Hahn“, der trotz Namen kein Geflügel ist, sondern ein Roggenbrötchen mit mittelaltem Gouda und Senf.
Westfalen geht noch deftiger zur Sache, oft fast archaisch. Der Pfefferpotthast, ein lang geschmortes Fleischgericht mit sehr vielen Zwiebeln und kräftigem Pfeffer, wärmt im Winter. Weltweit bekannt ist der westfälische Pumpernickel, ein extrem dunkles, fast schwarzes Roggenschrotbrot, das in dicht verschlossenen Formen über viele Stunden bei sehr niedriger Temperatur gebacken wird; die feuchte, fast saftige Krume entsteht durch den Dampf im geschlossenen Kasten. Es teilt den geografischen Schutzstatus mit den stark gewürzten Aachener Printen, die das westdeutsche Gebäck um eine herbe, honigsüße Note erweitern.
Hessen
Hessen liegt in der Mitte der Bundesrepublik und kocht mit starken lokalen Markenzeichen und frischen, ländlichen Produkten. Allen voran steht die Frankfurter Grüne Soße, eine kalte Emulsion aus exakt sieben festgelegten Kräutern: Borretsch, Kerbel, Kresse, Petersilie, Pimpinelle, Sauerampfer und Schnittlauch. Sie begleitet gekochte Eier, Kartoffeln oder Rindfleisch und steht oft für den kulinarischen Frühlingsbeginn. Dazu trinkt man Apfelwein, den „Ebbelwoi“, in den typischen gerippten Gläsern, mit leicht herber, erfrischender Säure.
Auch die Wurst hat in Hessen Rang. Der Name „Frankfurter Würstchen“ darf traditionell nur von Herstellern aus dem Raum Frankfurt am Main geführt werden. Sie haben feinen Biss und milde Räucherung. In den Apfelweinwirtschaften kommt der Handkäs mit Musik auf den Tisch, ein streng riechender Sauermilchkäse, der in einer Essig-Öl-Marinade mit viel rohen Zwiebeln zieht und ohne Gabel gegessen wird, nur mit Messer und Brot.
Pfalz & Saarland
Pfalz und Saarland kochen herzhaft-bäuerlich, durch die Nähe zu Frankreich spürbar verfeinert. Die Weinkultur ist hier tief verankert und schlägt bis in die Kochtöpfe durch. Das bekannteste Gericht der Pfalz ist der Pfälzer Saumagen: eine magere Mischung aus Schweinefleisch, Kartoffeln und Gewürzen, schonend im sorgfältig gereinigten Schweinemagen gegart und später oft in dicken Scheiben knusprig angebraten. Dazu passt ein leichter Riesling, ebenso zum deftigen Zwiebelkuchen, der im Herbst die Weinlese begleitet.
Das Saarland liebt Kartoffelgerichte und das Beisammensein am offenen Feuer. Der Dibbelabbes, ein im Gusseisentopf gebratener Teig aus geriebenen Kartoffeln, Lauch und Dörrfleisch, braucht Geschick beim ständigen Wenden, bis die Kruste sitzt. Königsdisziplin der saarländischen Freizeitkultur ist das „Schwenken“. Auf einem dreibeinigen Schwenkgrill, der über einem Buchenholzfeuer pendelt, gart der Schwenker, ein marinierter Schweinenacken, langsam und saftig. Essen, Gesellschaft und französisches Savoir-vivre gehören hier zusammen.
Baden & Schwarzwald
Der Südwesten kocht stark beeinflusst vom Elsass und von der französischen Hochküche. Die badische Küche bringt badischen Burgunderwein mit besonderen Produkten zusammen, etwa Weinbergschnecken in der Badischen Schneckensuppe mit feinen Kräutern und einem Schuss Wein. Auch Innereien werden hier raffiniert zubereitet, etwa als saure Kutteln, die in einer säuerlichen, dunkel gebundenen Soße weich schmoren. An warmen Tagen passt der Bibeleskäs, ein feiner Kräuterquark, zu frischen Kartoffeln.
Der Schwarzwald setzt eine waldige Note dazu. Tannenwälder und saftige Weiden liefern erstklassiges Wild, das im Rehrücken Baden-Baden mit Birnen und Preiselbeeren seinen Höhepunkt hat. Weltbekannt ist die Region für ihre Konditorkunst, allen voran die Schwarzwälder Kirschtorte. Schokoladenbiskuit, frische Sahne, säuerliche Kirschen und ein großzügiger Schuss Kirschwasser ergeben ein Meisterwerk aus Textur und Balance. Ihr genauer Ursprung wird zwischen Tübinger und Bad Godesberger Konditoren bis heute lebhaft diskutiert.
Schwaben (Württemberg)
Schwaben ist die Hochburg der Mehlspeisen und Teigwaren in Deutschland. Aus Mehl, Ei und Wasser ist hier ein eigenes Handwerk geworden. Spätzle, mit hohem Tempo und sicherer Hand vom Holzbrett direkt ins kochende Wasser geschabt, sind weit mehr als eine Beilage. Als Käsespätzle, geschichtet mit kräftigem Bergkäse und mit geschmolzenen Zwiebeln, ergeben sie ein schweres Hauptgericht. Dazu passt oft ein Zwiebelrostbraten, dessen Soße durch die Röststoffe des Fleisches dunkel wird.
Berühmt ist die Region auch für ihre clevere Resteverwertung. Die Maultaschen, gern „Herrgottsbscheißerle“ genannt, sollen der Legende nach im Kloster Maulbronn erfunden worden sein, um in der Fastenzeit Fleisch unter einer Hülle aus Nudelteig vor den Augen Gottes zu verstecken. In Brühe serviert oder in der Pfanne geröstet, sind sie heute ein kulinarisches Denkmal. Auch süße Reste landen nicht im Müll: Der Ofenschlupfer aus altbackenem Brot, Äpfeln, Rosinen und einer Eiermilch zeigt, wie aus wenig ein wärmendes Dessert wird.
Franken
Franken unterscheidet sich kulinarisch und kulturell deutlich vom restlichen Bayern. Prägend sind die sehr hohe Dichte kleiner Brauereien, gute Weinberge entlang des Mains und eine deftige, fleischlastige Wirtshauskultur. Das Meisterstück des fränkischen Sonntags ist das Schäufele. Bei diesem Stück aus der flachen Schweineschulter muss die rautenförmig eingeschnittene Schwarte als krachende Kruste auf den Teller kommen, während das Fleisch darunter zart vom Knochen fällt. Im Winter steht oft der Weihnachtskarpfen aus dem Aischgrund daneben, halbiert und knusprig gebacken.
Eine Sonderstellung haben die Wurst- und Backwaren. Die Nürnberger Rostbratwürste, geschützt durch eine geografische Angabe, sind klein und schmecken kräftig nach Majoran; serviert werden sie im Dutzend oder Halbdutzend auf Zinntellern. Ebenso berühmt sind die Nürnberger Lebkuchen. Ihr weicher Teig wird auf Oblaten gestrichen, und in der feinsten Qualität, den Elisenlebkuchen, kommt er fast ohne Mehl aus, dafür mit viel Nuss. Zur Weihnachtszeit gehen sie weit über die Landesgrenzen hinaus.
Bayern (Altbayern)
Altbayern steht für die vielleicht bekannteste Ausprägung deutscher Esskultur, mit einer urigen Brot-, Knödel- und Biergartenkultur. Im Zentrum steht der Schweinsbraten mit tiefdunkler, oft mit Bier gezogener Soße und Semmelknödeln, deren Teig die richtige Bindung aus altbackenen Semmeln, Milch und Ei braucht. Fleisch und Wurst bestimmen den Alltag: die mächtige, gepökelte oder gegrillte Schweinshaxe und der bayerische Leberkäse, eine Brühwurstmasse im Laib gebacken, die trotz Namen gar keine Leber enthält.
Untrennbar mit Bayern verbunden ist das Bier. Seine Qualität geht auf das bayerische Reinheitsgebot zurück, das Herzog Wilhelm IV. 1516 in Ingolstadt erließ. In den Biergärten unter Kastanienbäumen isst man zur Maß eine Brotzeit. Die Weißwurst, gewürzt mit Petersilie und Zitrone, kommt mit süßem Senf und einer Brezel auf den Tisch. Klassiker dieser Freiluftkultur ist auch der Obatzda, eine Käsecreme aus sehr reifem Camembert, Butter, Paprikapulver und einem Schuss Weißbier, die zu kräftigem Bauernbrot passt und zeigt, wie gern man hier herzhaften Käse anmacht.
Die Kunst der Deutschen Brot- und Backkultur
In einer Disziplin nimmt die deutsche Küche weltweit eine Ausnahmestellung ein: beim Backen. Hier geht es um weit mehr als Mehl und Wasser. Hier zählen präzise Teigführung, Fermentation und Temperaturkontrolle. Das Deutsche Brotinstitut verzeichnet offiziell über 3000 Brotspezialitäten. Diesen Schatz an Rezepturen haben die historische Kleinstaaterei und die großen klimatischen Unterschiede im Land begünstigt. Während das Klima in Südeuropa hellen Weizen begünstigt, zwangen raues Wetter und sandige Böden im Norden und Osten Deutschlands die Bauern früh, auf den widerstandsfähigeren Roggen auszuweichen.
Backen mit Roggenmehl verlangt ein anderes Vorgehen als bei Weizenteigen. Roggen bildet kaum Klebergerüst; seine aktiven Amylasen bauen ohne Säuerung die Stärke ab und machen den Teig instabil. Die Säure des Sauerteigs hemmt diese Enzyme; Struktur geben dem Roggenbrot vor allem die Pentosane. Die Lösung ist der Sauerteig. Man züchtet wilde Milchsäurebakterien und Hefen in einem Anstellgut, das über Tage gefüttert und bei genauen Temperaturen gehalten wird; so säuert der Teig. Diese Säure stoppt die unerwünschten Enzyme, macht das Roggenbrot backfähig, gibt ihm seine kräftig-säuerliche Note und hält es lange frisch. Zwiebeln und Kümmel passen zu vielen kräftigen Broten und unterstreichen das Erdige des Roggens.
Ein extremes und weltweit beachtetes Beispiel ist der Westfälische Pumpernickel, dessen Bezeichnung als geschützte geografische Angabe (g.g.A.) im EU-Register eingetragen ist. Dieser tiefschwarze Block besteht nur aus Roggenschrot, Wasser und Salz. Seine Herstellung ist eher ein Dämpfen als ein Backen: Die geschlossenen Kästen bleiben bis zu 24 Stunden bei sehr niedriger Hitze im Ofen. Durch die lange, milde Hitze laufen vor allem Maillard-Reaktionen ab, während Enzyme einen Teil der Stärke zu Zucker abbauen. So entstehen die malzige Süße, die dunkle Farbe und die dichte, fast saftige Krume. Es braucht Geduld und treibt die bäuerliche Maxime der Haltbarmachung auf die Spitze. Das Gegenteil ist das süddeutsche Laugengebäck. Eine Brezel mit dünnen, knusprigen Armen und dickem Bauch zu schlingen, ist ein motorisches Meisterstück. Das Eintauchen des rohen Teiglings in verdünnte Natronlauge vor dem Backen sorgt durch die Maillard-Reaktion im heißen Ofen für die glänzend kastanienbraune Kruste und den typischen, leicht alkalischen, malzig-aromatischen Geschmack, der mit grobem Salz und Butter so gut zusammenpasst.
Die Süßbäckerei steht dem Brot in nichts nach und kommt vor Weihnachten erst richtig auf Touren. Stollen, Lebkuchen und Printen sind Stücke gewürzten Könnens. Der Dresdner Christstollen, ein schwerer, sehr fettreicher Hefeteig, gewinnt durch lange Teigruhe und eine anschließende Reifezeit im kalten Keller, wo sich die Aromen von Kardamom, Macis und in Rum eingelegten Sultaninen setzen. Aufwendig sind auch Aachener Printen und Nürnberger Lebkuchen. Bei Lebkuchen wird oft auf Mehl verzichtet und mit viel Mandeln, Haselnüssen, Hirschhornsalz und Pottasche gearbeitet, um die leicht zähe, hocharomatische Textur zu treffen. Diese Gebäcke sind verdichtete Kulturgeschichte; ihre teuren Gewürze zeigten einst den Reichtum stolzer Handelsstädte.
Woher dieser Text stammt
Dieses Porträt ist kein Werbetext, sondern der Hintergrundteil des Bandes Deutschland: dieselbe Recherche, dasselbe Lektorat, dieselbe Gegenlesung. Im Buch folgen darauf 140 Rezepte in 10 Kapiteln, dazu 3 zusammengestellte Menüs, eine Warenkunde und ein Einkaufsratgeber. Die stehen hier bewusst nicht.
Zum Mitkochen
Weißkohlrouladen
Ein vollständiges Rezept aus dem Band, frei zugänglich.